Bundespräsidialamt - Gestaltung der Eingangssituation 1

Bundespräsidialamt - Gestaltung der Eingangssituation Berlin Tiergarten

Leitidee

Im Kontext des Schlosses Bellevue mit seiner architektonischen Qualität, seinem historischen Wert und seiner heutigen Bedeutung für unsere Demokratie ist bei jeder baulichen Ergänzung äußerste Zurückhaltung angebracht. Gelassenheit und Konzentration auf das Wesentliche bestimmen folglich den Duktus des Entwurfes für den neuen Eingang zum Bundespräsidialamt.

Klare Geometrie und Reduktion der Materialwahl sind die Mittel einer Gestaltung, die sich einerseits bewusst in den Kontext stellt, gleichzeitig diesen abstrahiert und sublimiert. Anders als der zurückgesetzte und dadurch versteckt liegende Verwaltungsbau des Bundespräsidialamtes, der durch Lage, Geometrie, Farbe und Materialität zum klassizistischen Schlossbau im Kontrast steht, fügt sich das an der Straße präsente neue Wach- und Kontrollgebäude in die orthogonale Struktur des Schlosses ein. Es übernimmt dessen disziplinierte Ordnung, überführt jedoch die klassizistischen Entwurfsprinzipien in eine noch klarere und minimalistischere Form.

Gemäß seiner dienenden Funktion ordnet sich das Eingangsgebäude dem Schloss unter, ohne seine Eigenständigkeit aufzugeben oder seine Entstehungszeit zu verheimlichen. Die feinen Risalite und die großflächigen Wand- und Glasflächen der Neubau-Fassade mit ihren puren Materialqualitäten entwickeln das geordnete, klassizistische Erscheinungsbild des Schlosses Bellevue weiter. In Material und Farbe geht der Neubau eine Beziehung zu den in hellen mineralischen Farbtönen gestalteten Schlossfassaden ein: Kalkstein und hell durchgefärbter Ultrahochleistungsbeton verleihen dem Neubau eine ebenbürtige Haptik und spürbare Materialität; die minimierte Geometrie lässt dabei dem reicher gegliederten Schlossbau den Vortritt. Neben der Erfüllung der hohen Anforderungen an Sicherheit und Abgrenzung entwickelt das Eingangsgebäude gleichzeitig eine einladende, empfangende Geste für Gäste, Besucher und Mitarbeiter. Denn auch als dienendes Gebäude repräsentiert es gleichwohl das Amt und die Würde des höchsten Repräsentanten unserer Demokratie und schafft eine eindeutige Adresse.

Städtebau

Die Zurückhaltung gegenüber dem Schloss und die Unterordnung unter dessen Baumasse werden durch die geringe Bauhöhe des Wach- und Kontrollgebäudes erreicht und indem alle Nutzungen, die nicht notwendigerweise ebenerdig zur Straße liegen müssen, in Untergeschossen angeordnet werden. Um eine optimale Organisation der Zugänge und Kontrollen zu ermöglichen und dabei auch die notwendigen Bewegungsflächen im Außenraum sicherzustellen, wird ein Rückbau von Teilen der "Alten Wache" notwendig. Durch den verbleibenden Kopfbau bleibt die symmetrische Einfassung des Ehrenhofes bewahrt. An den Kopfbau schließt der Neubau nicht direkt an, sondern hält gebührenden Abstand. Die Gebäudehöhe des Neubaus bleibt deutlich unterhalb der Firstlinie der Alten Wache.

Der vordere Bereich des Grundstücks am Spreeweg bleibt unbebaut, um das Gesamtbild des Schlosses mit Ehrenhof und Grünkulisse nicht zu beeinträchtigen. Vor dem Wach- und Kontrollgebäude wird - durch die Grünkulisse geschützt - ein Aufenthaltsbereich für Besucher geschaffen. Nördlich hinter dem Wach- und Kontrollgebäude liegt - wie bislang auch - der Wachhof. Er nimmt die Kolonnenstellplätze auf. Die Zufahrt zum Ehrenhof bleibt weiterhin bestehen. Der Evakuierungshof vor dem Verwaltungsgebäude des Bundespräsidialamtes bleibt in seiner Nutzung und Struktur weitgehend erhalten. Die Zufahrtsrampe zur Tiefgarage des Verwaltungsgebäudes wird in ihrer Lage minimal verändert, um eine bessere Verknüpfung zwischen Wachhof und Evakuierungshof zu gewährleisten. KFZ- und fußläufiger Verkehr werden funktional und räumlich getrennt. Fahrzeuge erreichen das Gelände über die Zu- und Abfahrt mit Schrankenanlage und Kontrollhäuschen.

An der Nordseite des Wachhofes, angrenzend an die denkmalgeschützte Mauer des Präsidentengartens, wird ein langgestreckter Lichthof angeordnet, der die hier im 1. Untergeschoss liegenden Räume mit natürlichem Licht und Ausblick versorgt sowie gleichzeitig vor Einblick aus dem Wachhof schützt.

Äußere Gliederung

Unter dem filigranen, teils deutlich auskragenden Dach des Wach- und Kontrollgebäudes werden zwei oberirdische Baukörper zusammengefasst, welche zwei Hauptfunktionen beherbergen und repräsentieren: Personeneingang/-kontrolle und Post-/Warenannahme. Die Auskragung des gemeinsamen Daches fungiert als Witterungsschutz sowohl für Lieferfahrzeuge als auch für wartende Gäste und Besucher. Das Poströntgengebäude ist entsprechend seiner Logistik-Funktion räumlich dem Bundespräsidialamt zugeordnet.

Das Besucherkontrollgebäude ist dem Schloss zugewandt. In der Mittelachse zwischen diesen beiden Volumina liegt sinnfällig angeordnet der Zugang für alle Fußgänger - Mitarbeiter wie Besucher - und macht die Funktion als Torgebäude deutlich. Verglaste Zugänge für Beschäftigte der Bundespolizei und für Besucher liegen hier gleichwertig einander gegenüber.

Außenanlagen

Die Platzierung und Kubatur des neuen Wach- und Kontrollgebäudes bewahrt die Gliederung der Außenräume in drei verschiedene Höfe. Die Etablierung der großzügigen Platzsituation am Spreeweg schafft eine repräsentative Eingangssituation mit Aufenthaltsqualität. Der Wachhof erfährt eine neue Gestaltung, der Evakuierungshof bleibt in seiner bestehenden Struktur unverändert. Die gestalterische und historische Zugehörigkeit zum Verwaltungsgebäude wird respektiert. Der Lichthof im hinteren Teil des Wachhofes erhält durch den vertikalen Garten und die Hochbeete einen grünen Charakter. Mobile Sitzmöglichkeiten laden in dieser idyllischen Atmosphäre dazu ein, sich zu treffen oder Arbeitspausen zu genießen.

Die Materialität der befestigten Flächen orientiert sich an den bestehenden dunklen befestigten Flächen im Bestand. Der schützenswerte Baumbestand wird weitestgehend erhalten und in die Gestaltung integriert.

Auslober:in
Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Referat A2
Wettbewerbsart
Realisierungswettbewerb
Bearbeitungszeit
2020
Würdigung
3. Preis
In Zusammenarbeit
Scheidt Kasprusch Architekten